Oliver Junk

Oberbürgermeister #Goslar

 

Herzenssache Goslar/ Unsere Bäume

Nov 16, 2018

„Und täglich grü.t das Murmeltier“ – kaum ist es Herbst, häufen sich die

Bürgerbeschwerden zum Thema Laub. „Man“ beschwert sich über das Laub

auf Wegen und Straßen oder im heimischen (Vor-)Garten. Beschwerden

über das Laub vom Nachbarn, Beschwerden über das Laub von städtischen

Bäumen – Laub, Laub, Laub.

Na, und!? Möchte man sagen oder fragen. Warum freuen wir uns nicht viel

mehr über unsere grüne Stadt, über die vielen Bäume, die wir tatsächlich in

unserer Stadt haben?

Meine heutige „#Herzenssachegoslar“ soll daran erinnern!

Ein herzliches Dankeschön sage ich an Michael Lumme, der mir die

fantastischen Fotos für meine „Herzenssache“ zur Verfügung gestellt hat.

Haben wir nicht unsere Bäume gerade im vergangenen Rekordsommer so

geliebt. Sogar Bürgerinitiativen haben sich gegründet, um nur keinen Baum

vertrocknen zu lassen. Gießkannen wurden kostenfrei verteilt, z. B. von

Ratskollegin Rieckhoff……..

Und warum waren wir so dankbar für die Bäume? Dankbar sind wir auf

unseren Wegen durch die Stadt unter die Straßenbäume geschlüpft, waren

froh über kühlere Wohnräume. Unsere Bäume spenden Schatten und

erzeugen Verdunstungskälte, was verhindert, dass die Stadt im Sommer

vollkommen überhitzt. Aber unsere Bäume spenden nicht nur Schatten, sie

haben viele weitere positive Eigenschaften: Bäume binden

Kohlenstoffdioxid. Oder besser: Sie ziehen es aus der Luft und

verstoffwechseln es. Damit tragen sie wesentlich zur Stabilisierung des

Klimas bei.

Ich habe vor Kurzem gelesen, dass in einer ausgewachsenen Rotbuche rund

600 Kilogramm Trockenmasse gespeichert sind. Darin ist wiederum eine

Tonne CO2 gebunden. Ob das stimmt, weiß ich nicht; aber offensichtlich ist,

dass die Bäume unserem Klima helfen.

Bäume sind ferner Lebensraum für die verschiedensten Tiere, sie halten

den Boden zusammen und schützen vor Bodenerosion durch Wind, wie wir

alle früher in der Schule gelernt haben.

Bäume sind aber ganz gewiss auch ein Erholungsfaktor und sie lockern das

Stadtbild auf. Wie sähen unsere Straßen wohl aus, wenn überall nur Mauern,

Steine, Beton und Asphalt zu sehen wären? Ziemlich trist, meine ich – so wie

im übrigen mancher Vorgarten in Neubaugebieten aussieht. Die

städtebauliche Bedeutung von Bäumen haben wir heutzutage zum Glück

erkannt – Verwaltung, Politik und Bürgerschaft.

Werfen Sie mal einen Blick auf unsere Bebauungspläne: ohne grüne Punkte,

also eingeplante Bäume, gibt es keinen Plan.

Und einen echten Plan zum Thema Bäume haben wir auch in der

Stadtverwaltung. Zuständig ist der Fachbereich 3 mit der Chefin Marion

Siegmeier und dort speziell der Fachdienst Tiefbau, der von Matthias Brand

geleitet wird. Aber weder Frau Siegmeier noch Herr Brand (und schon gar

nicht der Oberbürgermeister) haben soviel Ahnung, soviel Wissen, soviel

Kompetenz wie Frau Anke Dittrich.

Frau Dittrich ist DIE Baum-Expertin der Stadtverwaltung. Sie macht sich

Gedanken über die Sorten, die gepflanzt werden sollen, die Anzahl,

Ersatzmaßnahmen und Kosten für Pflanzung und Pflege. Und im „alten“

Goslarer Stadtgebiet haben wir rund 14.000 derzeit erfasste lebende

Einzelbäume. Etwa 1.000 kommen noch hinzu; in Vienenburg sind wir noch

nicht ganz durch mit der Erfassung. Diese über 15.000 erfassten

Einzelbäume kennt Anke Dittrich sozusagen alle persönlich mit Namen.

Zu diesen 15.000 Einzelbäumen kommen noch einmal 90

Baumbestandsflächen hinzu wie z. B. Köppelsbleek oder Grauhöfer

Landwehr. Auf diesen Flächen stehen nochmals ca. 10.000 bis 15.000

Bäume. Rechnen wir etwas vereinfacht. 25.000 Bäume im Stadtgebiet bei

gut 50.000 Einwohnern! Nicht mit einbezogen ist unsere Stadtforst!

 

Ich darf also sagen: Wir leben im Grünen. Und Frau Dittrich habe ich

natürlich die Frage gestellt, welche Baumsorten wir pflanzen und pflegen:

Dazu folgende Antwort: Gut ein Viertel der Bäume im gesamten Stadtgebiet

sind Ahorn-Bäume, ein Fünftel Linden. Diese heimischen Arten wurden in

den 70er und 80er Jahren hauptsächlich gepflanzt. Dann haben wir noch

Kastanien, Eichen, Eschen, Buchen, Birken, Kirschen, Platanen, Apfelbäume,

Ulmen, Haseln, Robinien, Fichten und viele mehr. Das Alter ist bei 40

Prozent unserer Bäume leider nicht erfasst. 30 % sind 15 bis 40 Jahre alt,

24 % älter und knapp 6 % jünger als 15 Jahre. 59 % sind gesund, bei 22 %

haben wir geringe Mängel entdeckt, 14 % gelten als geschädigt, knapp 3 %

sind stark geschädigt und 0,4 % sind als „absterbend bis tot“ vermerkt. Beim

restlichen Bruchteil ist die Vitalität nicht erfasst.

Überrascht über soviel Zahlenmaterial? Ich war es jedenfalls, ich wusste bis

vor wenigen Tagen nicht, dass Frau Dittrich so exakte Verzeichnisse pflegt.

Aber, klar, wer 15.000 Bäume beim Namen kennt…

 

 

Natürlich haben Bäume auch negative Aspekte (jetzt bin ich aber bitte nicht

bei dem Laub-Thema) wie z. B. kaputte Straßen und Gehwege, beschädigte

Mauern, zu starke Verschattung.

Deshalb setzen wir von Seiten der Stadtverwaltung inzwischen lieber auf

Qualität als auf Quantität. „Teilweise haben wir in der Stadt auch gar nicht

den Platz!“ erläutert Anke Dittrich und ergänzt: „Viele vergessen: Bäume

sind Lebewesen. Man muss es ganz konkret vom Standort abhängig machen,

welche Baumart man pflanzt. Da kommt es sogar auf den Boden an!“

Frau Dittrich nennt z. B. die Kastanie an der Ampel an der

Odermarkkreuzung. „Das arme Wesen vegetiert dort seit über 30 Jahren

rum. Ja, sie wächst, aber an einem anderen Standort wäre sie viel größer. An

der Kreuzung ist einfach ein schlechter Standort.“ sagt unsere

Verwaltungsexpertin.

Aber wir müssen zunehmend auch Gefahren durch eingeschleppte

Schädlinge und Erreger beachten. Die Eichenprozessspinnerraupe ist laut

Frau Dittrich bisher bei unseren 800 Eichen kein Problem. „Aber in sechs

bis sieben Jahren wird sie auch bei uns angelangt sein!“ prognostiziert Frau

Dittrich. „Jede Baumart hat mittlerweile ihren Haken“, weiß die Expertin.

Im vergangenen Jahr habe ich vom „Geheimen Leben der Bäume“ gelesen:

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-01/wohlleben-das-geheime-lebender-

baeume

 

Auch Frau Dittrich erzählte mir, dass die Bäume untereinander

kommunizieren und verweist darauf, dass sie zum Beispiel Duftstoffe

aussenden, wenn sie von Parasiten oder Krankheiten befallen sind. Die

Nachbarbäume können sich so darauf vorbereiten. Total spannend, aber

zurück zum Thema.

Bäume kosten auch Geld; und das – leider – nicht zu knapp. „Mit mehr

Geld würden wir auch mehr Leistungen erreichen“, sagt Dittrich. Bessere

Jungbaumpflege, Mistelentfernung, Düngen – das wäre die Kür. Aber allein

die Baumkontrolle kostet 58.000 Euro pro Jahr. Die Revierleiter sind

fachlich geschult, bekommen entsprechende Fortbildungen. Die meisten

Aufträge betreffen Totholzentnahme, also das Entfernen von abgestorbenen

Ästen zum Beispiel. Im vergangenen Jahr wurden Baumpflanzungen in

Höhe von ca. 80.000 Euro beauftragt. Sind die Bäume gepflanzt, müssen sie

gehegt und gepflegt werden. Gerade in der Anwachsphase brauchen sie

intensive Pflege. Anschließend gilt: Je älter ein Baum, desto mehr Kosten

entstehen. Frau Dittrich hat ungefähr einen Etat für den Unterhaltsbereich

in Altstadt, Steinberg und Hahnenklee von 100.000 Euro pro Jahr. Der

Betriebshof übernimmt die Pflege in allen anderen Bereichen der Stadt.

Betriebsleiter Gerolf Briegel hat auf Grundlage der betrieblichen Daten die

Kostenaufwände für Baumpflege und Baumfällungen aufgelistet. 2017 hat

ihn die Baumpflege 236.780 Euro gekostet, wobei dieser Wert aufgrund der

Wetterkapriolen deutlich höher war als in den Vorjahren. Für

Baumfällungen liegen die Kosten bei 96.440 Euro. Wir haben also in 2017

für unsere Bäume mehr als eine halbe Million Euro bezahlt. Achtung!

Stadtforst wieder ausgenommen.

 

Andererseits sind unsere Bäume sehr, sehr viel mehr Wert als das – rein

monetär gesehen. Wenn die Verwaltung eine Schadensberechnung macht,

zum Beispiel bei Unfällen, ermitteln die Kolleginnen und Kollegen den Wert

des Baumes für das jeweilige Grundstück. Die Berechnung erfolgt nach der

Methode Koch, erklärt Frau Dittrich. Da kommen wir bei normalen

Einzelbäumen im Schnitt auf einen Wert von 2.500 bis 3.000 Euro. „Wenn

man diesen Wert mal auf die Anzahl unserer Einzelbäume (15.000!)

hochrechnet, sind die Goslarer Bürger reich.“

Da kann ich nur zustimmen. Nicht über Laub nörgeln, den Wert unserer

Bäume wertschätzen. #Herzenssache #Goslar: Unsere Bäume!

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