Oliver Junk

Oberbürgermeister #Goslar

 

Herzenssache Goslar/ Jolyn Beer

Dez 7, 2018

Diese Woche möchte ich meine Herzenssache Goslar Superschützin Jolyn

Beer widmen.

Ich durfte sie vor wenigen Tagen in Hannover auf dem Schießstand

besuchen und einiges über den Schießsport lernen. Am vergangenen

Sonntag war ich dann in der Lindenberghalle in Osterode, um einen

Bundesligawettkampf der Mannschaft von Jolyn Beer,

Schützenbrüderschaft Freiheit, zu verfolgen.

Jolyn Beer (www.facebook.com/jolynbeer) stammt aus unserem Ortsteil

Lochtum. Mit zehn Jahren wurde sie dort auf dem Schützenfest

Kinderkönigin; seither ist sie nach ihren eigenen Worten nicht mehr vom

Schießsport losgekommen.

Mittlerweile ist sie mit ihren jungen 24 Jahren bereits Weltcupsiegerin.

Aktuell ist sie (zum wiederholten Mal) für die Wahl zur “Sportlerin des

Jahres 2018” des LandesSportBund Niedersachsen e. V. nominiert. Zu

Recht. Allein in der letzten Saison hat sie mit der deutschen Mannschaft drei

Weltmeistertitel und im Einzel eine Silbermedaille ergattert. Unter

anderem, wohl gemerkt.

 

Bis zum 31. Januar können wir Jolyn Beer unsere Stimme geben auf

www.balldessports.de/sportlerwahl. Vielleicht einfach mal mitmachen!

Wer jetzt glaubt, weil er oder sie zum Beispiel auf dem Schützenfest schon

einmal eine Rose geschossen hat, Schießen sei ein Kinderspiel, der irrt. Ich

durfte mit dem Luftgewehr selbst einmal auf die Zielscheibe feuern.

Es war vielleicht nicht so richtig ganz schlecht, aber ich durfte das Gewehr

auch auflegen. Jolyn Beer zeigte anschließend, wie es richtig geht:

freihändig im Stehen. Dabei wackelt der Lauf schon trotz Auflegens und

Luftanhalten hin und her… Christian Pinno, seit Mai neuer Landestrainer,

außerdem Assistenz-Bundestrainer und persönlicher Trainer von Jolyn Beer

in den Disziplinen Gewehr 10 und 50 Meter, erklärt, worauf es ankommt:

möglichst fest, aber spannungsfrei, also ohne aktive Muskelanspannung

stehen. Sein Schützling Jolyn Beer hat dazu mittlerweile ihre ganz eigene

Fußstellung.

 

Frauen haben beim Stehendschießen laut Pinno gegenüber Männern den

Vorteil, dass ihr Hüftknochen höher ist. Ihre Kleidung trage außerdem zur

Stabilität bei, erläutert mir Jolyn Beer. Es ist eine Mischung aus Leinen,

Kautschuk und Leder.

Eine wesentliche Rolle spielt die Atemtechnik. Manche atmen ein und halten

die Luft an, andere atmen vorher aus. So oder so gilt es, den Atemdrang

dabei auszuschalten. Sonst verwackelt man. „Es kommt auf Millimeter an“,

sagt Pinno. Ein Gewehr von 5 Kilogramm Gewicht muss man erstmal lange

(ruhig) halten können. In der Bundesliga haben die Frauen 40, international

60 Schuss in einer vorgeschriebenen Zeit zu absolvieren. 60 Schuss am

Stück! Mit Nachladen, Konzentrieren, Zielen – da werden die 5 Kilo sehr

schwer. Aber auch im Knien stelle ich es mir nicht sehr viel weniger

anstrengend vor. Der erfahrene Trainer weiß, als Schütze muss man eine

dreiviertel Stunde auf dem Fuß sitzen. Dass der einschläft ist also

programmiert.

Beim Training kommen also viele Aspekte zusammen. Dazu gehört auch

Ausdauersport. Hat die Schützin oder der Schütze einen Ruhepuls von 65

(statt 80 zum Beispiel), wackelt es unter Wettkampfbedingungen nicht ganz

so sehr. Muskelaufbau ist hingegen nicht das Ziel, zu viele Muckis verzögern

nur die Nervenleitfähigkeit, habe ich mir sagen lassen. Dann hätte ich ja

doch noch gute Chancen, Schützenprofi zu werden……

 

Christian Pinno gibt mir den Tipp, dem Schuss hinterherzuschauen, nicht

gleich auf die Anzeige zu blicken. Die Kugel braucht eine Weile, bis sie durch

den Lauf ist. Wenn ich sofort nach dem Abziehen des Abzuges nach unten

sehe, verziehe ich das Gewehr und der Schuss verrutscht, wenn auch nur um

Millimeter. Aber wir wissen ja: Es geht um Millimeter. „Im Wettbewerb

trittst du gegen Profis an. Die Luft ist dünn an der Weltspitze – es liegen alle

dicht beieinander. Da entscheidet ein Schuss darüber, dass du nicht ins

Finale kommst.“

Entsprechend freut sich Jolyn Beer über die 10,7, die sie trotz aller

Ablenkungen heute schießt. Das Maximum ist eine 10,9. „Einen Schnitt von

10,5 braucht man schon mal, um überhaupt ins Finale zu kommen“, weiß der

Trainer.

In der Halle sind die Bedingungen stabil, draußen gilt es dann, auch noch

den Wind zu beachten. „Da geht es dann schon in den Weltklassebereich

rein.“ Aber in Hannover, Standort für die Kadertrainings (Jolyn Beer ist in

den Disziplinen Kleinkaliber- und Luftgewehr im Olympiakader), hat das

Duo beim Trainieren gute Bedingungen. „Wir haben hier immer gut Wind.“ In

der Wettkampsituation entscheidet letzten Endes, wenn man richtig

trainiert hat, der Kopf – zu 85 Prozent, wie Pinno sagt.

Deshalb muss es nicht nur im Sport, sondern auch privat rundlaufen.

Wichtig ist daher das Wechselspiel zwischen Belastung und Erholung. Das

muss für das ganze Jahr geplant werden, wie Pinno verrät. Leistungssportler

müssten auch mal die Möglichkeit haben zu leben, in den Urlaub zu fahren.

Jolyn Beers Alltag ist mitunter richtig picke packe voll. 5 Tage die Woche

Training, am Wochenende Lehrgang und in der kommenden Woche geht’s

direkt weiter im Programm. Derzeit ist Saisonpause, aber im

Dezember/Januar geht es wieder los. Das kann noch viele Jahre so gehen,

denn im Schießsport gehört man nicht wie beim Fußball mit 30 Jahren schon

zum alten Eisen. Mit Mitte 20 hat man eine gewisse Lebenserfahrung, da

geht es erst los. Schießen kann man bis ins hohe Alter. „Wir haben hier über-

80-Jährige.“ Die Weltbeste Schützin ist Anfang 30.

Dagegen ist unsere Lochtumer Schützin fast noch ein Küken. Da ist es kein

Weltuntergang, wenn eine Saison mal nicht das Vorjahr übertrumpft.

Wobei ein Weltcupsieg ja auch kaum zu steigern ist. Und nur die

Erfolgswelle zu reiten, ist auch nicht das Wahre, wenn ich Christian Pinno

richtig verstanden habe: „Man darf die Bodenhaftung nicht verlieren.“

Folgerichtig sind Schützin und Trainer mit dem Jahresergebnis zufrieden.

„Ich gehöre ja noch zu den Jüngeren“, sagt Jolyn Beer, die mit ihren 24

Jahren eine beachtlich lange Liste an Erfolgen vorzuweisen hat. Neben

Kleinkalibergewehr und Luftgewehr hat sie in diesem Jahr auch noch das

Großkalibergewehr für sich entdeckt.

Aber ihre Lieblingswaffe bleibt das Kleinkalibergewehr. „Das macht schon

mit am meisten Spaß. Da bin ich aber auch von allen Disziplinen am besten.“

Jolyn Beer ist Sportsoldatin, ihr Vertrag wird deshalb immer nur jährlich

verlängert. Deshalb hat sie sich bewusst dafür entschieden, erst eine

Ausbildung zu machen. Von ihrem Arbeitgeber Volkswagen hat sie

außerdem eine Wiedereinstiegsgarantie. Legt die Goslarer Superschützin

ihr Gewehr also ad acta, kann sie wieder als Mechatronikern ins Berufsleben

einsteigen. Das war sowohl für sie als auch für ihren Trainer Voraussetzung,

um dem Schießsport den Vorrang zu geben.

Christian Pinno kommt übrigens wie sein Schützling aus dem Harz, aus

Freiheit, mittlerweile ein Ortsteil von Osterode. Lochtum ist nicht allzu weit

von Freiheit weg. Und als man sich vor rund 10 Jahren in Hannover beim

Kader traf, kamen Schützin und Trainer zueinander. „Es macht viel Spaß“,

sagt Jolyn Beer. „Wir harmonieren.“ Es fällt aber natürlich auch mal ein raues

Wort.

Man könnte sagen, Jolyn Beer führt eine Familientradition fort. Ihre Mutter

und ihr Großvater waren im Schützenverein. Beide habe ich als Zuschauer

in Osterode getroffen, sie haben nicht nur die Schützen – Gene

weitergegeben, sondern fiebern auch mit. „Es wäre schade, wenn die

Schützenvereine aussterben würden“, sagt Jolyn Beer. Da stimme ich ihr zu.

Ich bin aber zuversichtlich, dass diese Tradition erhalten bleibt. Die Vereine

geben sich viel Mühe, um Nachwuchs für sich zu gewinnen.

 

„Das ist schon eine gute Gemeinschaft in Lochtum“, sagt auch die

Olympiakaderschützin, die mittlerweile in Hannover wohnt. „Für das kleine

Dorf wird schon viel gemacht.“ Dass die 24-Jährige so erfolgreich ist, ist mit

Sicherheit nicht hinderlich für den Schützenverein.

Jolyn Beer ist in Lochtum eine Heldin. In Goslar ein Star. Aber auch die

ganze Region nimmt ihre Erfolge durchaus wahr. Vielleicht können wir hier

ja auch mal ein Public Viewing organisieren. Die Weltcups werden nämlich

live im Internet übertragen.

Falls Sie sich also schon gefragt haben, Herr Lenz, warum Ihre liebe

Mitarbeiterin Tami Beer aus dem Rammelsberg-Sekretariat, manchmal

etwas müde aussieht, jetzt wissen Sie warum. Tami Beer unterstützt ihre

jüngere Schwester. Da wird auch mal nachts für eine Übertragung

aufgestanden. Daraus könnte man ja eigentlich ein weiteres Event am

Rammelsberg machen…

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