Steffen Kopetzky: Die Harzreise - Eine Deutschlanderkundung
Kopetzkys Harzreise war natürlich eine Pflichtlektüre für mich. Und für die Lektüre konnte ich die Pfingstfeiertage nutzen und seine Reise durch den Harz - “die deutsche Seelenerkundung in unruhigen Zeiten”, wie er es nennt, studieren. So richtig gefesselt hat mich das Buch nicht, vielleicht auch weil ich hier und da einen etwas anderen Blick auf die beschriebenen Orte und die Seelenlage in West und Ost habe. Das Zusammenwachsen von Ost- und West - mit all´ den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Themen der vergangenen 35 Jahre (Euphorie, Neid, Verletzungen, Entspannung, Normalität) - hätte sich etwas stärker auf den Harz beziehen dürfen. Vielleicht hatte ich aber auch einfach gehofft, dass die Harz-Wanderung nicht nur auf Seite 165 und Seite 199 den Harzklub kurz streift. Schließlich: Ohne Harzklub, keine Harzwanderung! Und ohne das vielfältige ehrenamtliche Engagement (auch im Harzklub) wäre der Harz heute eben auch ein anderer. Wie formuliere ich gerne: “Ehrenamt ist systemrelevant”
Was mich jedenfalls total gefreut hat: Dem großartigen Paul Kunze sind so viele Zeilen gewidmet. Er hat es wirklich verdient. Schön, dass Kopetzky so viel Zeit mit ihm verbracht hat.
Ich erinnere mich gerne an so viele Begegnungen mit ihm, auch an den im Buch beschriebenen Rundgang bei Wiedelah, den mir Paul Kunze gezeigt hat und den ich mit der Familie mehrfach wiederholt habe.
Vor neun Jahren habe im Rahmen meiner “Herzenssachen” folgenden Text über Paul Kunze geschrieben, den ich noch auf meinem Rechner gefunden habe.
Ein schöne Gelegenheit, diese nochmal anzuhängen:
Herzenssache: Paul Kunzes Turmfalken
Paul Kunze – das ist ein kerniger Typ. Naturschutz ist seine Leidenschaft, besonders der Vogelschutz. Dieses Interesse verfolgt er seit mehr als 40 Jahren und engagiert sich an vielen Stellen, an vielen Orten – nicht nur in Goslar. Aber durch Goslar, genauer gesagt durch die Turmfalken vom Marktkirchenturm, kenne ich ihn.
Seinen Anfang nahm alles mit den Tauben am Bahnhof. Manche mögen jetzt brüskiert nach Luft schnappen, aber diese Ratten der Lüfte haben den ganzen Goslarer Bahnhof verdreckt. Wir haben also den zuständigen Vertreter der Bahn eingeladen, um eine Lösung zu finden. Spieße und Besprühen mit einer abschreckenden Flüssigkeit sollten die Tauben fernhalten. So richtig begeistert über die Chemiekeule bin selbst ich nicht und ich kann diese Viecher nicht mal leiden. Zum Glück schalteten sich Experten ein: Friedhart Knolle und Herwig Zang. Sie verfolgten das Motto: „Wir müssen versuchen, die Tauben auf natürlichem Weg zu vergrämen.“ Eine Möglichkeit wäre die Ansiedlung von Wanderfalken. Sie jagen Tauben. Knolle setzte sein Netzwerk in Gang – und so kam Paul Kunze ins Spiel. Ich lernte ihn bei der Einweihung der Nistkästen auf dem Marktkirchenturm kennen.
Der 70-Jährige betreut nämlich die Kästen auf dem Südturm. Das ist kein solcher „Spaziergang“ wie im touristisch erschlossenen Nordturm. Da führt keine breite Treppe nach oben, sondern steile Holzleitern. Die erklimmt Paul Kunze regelmäßig, um nach seinen Schützlingen zu schauen. Die Kästen hat er übrigens selbst gebaut – kein Spaziergang, die Bauteile die schmalen Stiegen raufzuziehen! Aber es hat sich gelohnt. Ein Turmfalkenpaar zieht dort derzeit seine Jungen auf. Vier flauschige Küken kuschelten sich aneinander, als wir die Tage oben im Turm waren. Und die waren so herrlich entspannt – sie zeigten gar keine Scheu. Die Mutter war da schon etwas zurückhaltender und machte verdutzt kehrt, als sie uns in ihrem „Wohnzimmer“ stehen sah.
Mit dem Nistkasten für die Falken wollte sich Paul Kunze nicht zufrieden geben. Der Turm ist nämlich das ideale Wohnquartier für weitere Vogelarten, zum Beispiel die Dohle. Er traf eine Absprache mit dem Kirchvorstand: „Wenn ich den Taubendreck auf den Zwischenböden entferne, darf ich weitere Nistkästen im Turm aufhängen“, so Kunze. Ein Gewinn für beide Seiten – die gefiederten Freunde nicht mitgezählt. Im Turm ist es jetzt richtig schön aufgeräumt. Klar: Es ist staubig, aber früher war alles von Tauben verdreckt und richtig eklig. Der Vogelfreund hat etliche „Wohnungen“ für Dohlen hergerichtet. Er ist Fan dieser Rabenvögel, das merkt man. Auch zu Hause in Wiedelah betreibt er eine Herberge. Sechs von neun Nistmöglichkeiten für Mauersegler sind derzeit besetzt. Außerdem bietet er dort Starenkästen und Wohnquartiere für Nebelschwalben.
Er war schon immer Tieren und Pflanzen sehr verbunden. Paul Kunze arbeitete in der Gießerei in Salzgitter. „Ich brauchte doch einen Ausgleich“, erzählt er und lacht. Ich muss echt staunen: 70 Jahre? Sein Alter sieht man ihm nicht an. Das müssen die frische Luft und die Bewegung sein. Paul Kunze baut und pflegt nicht nur Nistkästen, er beringt unter anderem ehrenamtlich Wildvögel; so auch die kleinen Turmfalken. Er braucht 50 bis 100 Ringe im Jahr, allerdings nicht nur für Vögel in Goslar, sondern zum Beispiel auch für Wasseramseln im nördlichen Vorharz. Im Südturm wird der Zauber nicht mehr lange andauern. „Noch 30 Tage, dann stürzen sich die Jungen raus und erkunden die Stadt“, prophezeite Paul Kunze bei meinem Besuch. Aber es besteht die Möglichkeit, dass die Falken nächstes Jahr wiederkommen – oder einer von beiden mit einem neuen Partner. Vielleicht siedeln sich aber auch die größeren Verwandten, die Wanderfalken an und fressen uns ein paar Tauben weg. Ich kann es nur hoffen.